Social Media Verbot ???

Titelblatt

Eine von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission hat 9 Monate getagt und ihren Bericht am 24.Juni 2026 an die Bundes-Familienministerin Karin Prien übergeben (siehe Tagesschau-Bericht 24.06.2026).

Insgesamt hat die Kommission 56 Handlungsempfehlungen gestaffelt nach Alter der Kinder und Jugendlichen herausgearbeitet (vollständiger Bericht hier bei uns im Download oder hier…). Die Handlungsempfehlungen sind sehr ausführlich und wahrscheinlich hat man hier alle Aspekte betrachtet. Es wurden die Probleme aufgelistet, dazu jeweils Handlungsempfehlungen und eine mögliche Wirkung beschrieben. Insgesamt muss man der Kommission bescheinigen, dass sie hier sehr differenziert vorgegangen ist und ihr Fazit ist dann auch nicht überraschend und macht deutlich, dass es hier „den Königsweg“ nicht gibt:

„Die Arbeit der Expertenkommission hat deutlich gemacht, dass die Frage nach einem guten Aufwachsen in der digitalen Welt weder allein eine technische noch ausschließlich eine pädagogische oder rechtliche Herausforderung ist. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Gestaltungsaufgabe. Ein wirksamer Kinder- und Jugendschutz im digitalen Zeitalter erfordert das Zusammenspiel von Politik, Wirtschaft, Bildungseinrichtungen, Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und nicht zuletzt von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien.“

Allerdings verhält es so wie mit allen Berichten: er hat 100 Seiten und muss erstmal gelesen werden. So wurde/wird öffentlich letztlich nur noch um eine Altersgrenze diskutiert. Das ist für die Politiker*innen im Bundestag recht einfach, muss sie doch nur eine Entscheidung treffen. Ob die abgewogen und sinnvoll ist, na ja… Und, das darf man nicht vergessen: die meisten anderen Handlungsempfehlungen gibt es nicht zu Nulltarif ! Gerade die Bereiche Medienerziehung oder Prävention kosten schlicht Geld.

Obwohl die Altersgrenze nur eine Handlungsempfehlung von insgesamt 56 darstellt, überlagert sie daher alle weiteren Diskussionen. Es gibt zwar noch ein paar weitere, damit zusammenhängende Empfehlungen zur technischen Umsetzung. Alle Empfehlungen zur Medienerziehung und zur Verantwortung der Eltern bzw. der Gesellschaft bleiben in der öffentlichen Diskussion eher außen vor.

Logisch, dann müssten auch Mütter und Väter sowie alle anderen über ihren Social Media-Konsum nachdenken. Das würde einem ja den Spiegel vorhalten, wenn man am Essenstisch das Smartphone nutzt oder beim Spazierengehen - an der Hand das Kind und in der anderen Hand - die neusten TikTok-Ergüsse einer aus den Fugen geratenen Welt konsumiert (zugegeben eine Zuspitzung des Autors).

Aber auch die Verwaltung und Wirtschaft drängt jedem ein Smartphone auf, weil bestimmte Dinge des täglichen Lebens gar nicht mehr ohne Smartphone möglich sind. Und hinterher macht sich diese Gesellschaft dann auf einmal Gedanken um den Schutz der Kinder und Jugendlichen wegen deren „exzessiver“ Smartphone-Nutzung. Das ist zwiespältig bis fast schon scheinheilig.

Kleiner Hinweis aus meinem wirklich sehr alten, aber in dem Punkt immer noch gültigen Erziehungsratgeber:
Kinder brauchen Vorbilder, im Moment verhält es sich eher so, als haben (bzw. hätten) Kinder Vorbilder. Das hier eine große Diskrepanz zwischen „brauchen“ und „haben“ besteht, kann man sich vielleicht vorstellen (nochmal eine kleine Zuspitzung…).

Jetzt aber mal pragmatisch…

Natürlich kann auch eine Altersgrenze in der Social Media-Nutzung als eine von mehreren Maßnahmen sinnvoll sein. Allerdings sollte auch hier differenzierter auf eine mögliche Umsetzung geachtet werden – nur die „Dummen“ oder Abgehängten schaffen es technisch dann nicht auf TikTok etc.

Im Rahmen der Recherche bin ich auf einen wirklich sehr guten und m.E. sehr differenzierten Kommentar in einem Computer-Blog gestoßen (gnulinux.ch/zum-wochenende-illusion-des-perfekten-kinderschutzes). Der Autor beschreibt einerseits die technischen Schwierigkeiten um eine Altersgrenze beim Zugang zu Social Media wirksam zu gestalten und spricht sich nicht zuletzt deswegen gegen eine Altersgrenze aus. Andererseits beschäftigt er sich ausführlich mit Lösungsansätzen, die größtenteils auch in den Handlungsempfehlungen der Expertenkommission aufgeführt wurden.

Die Lektüre dieses Blog-Eintrags sollte Pflicht sein. Er beschreibt, warum eine Altersgrenze aus Sicht des Autors vor allem technisch nicht sinnvoll ist und der Blick über den Tellerrand hinaus so wichtig ist. Er schreibt präzise und kürzer und viel prägnanter als die Expertenkommission, wo Lösungsansätze liegen. Diese Lösungsansätze haben mir so gut gefallen, dass ich sie hierhin kopiert haben.

Der Text ab hier gibt die Meinung des Autors auf gnulinux.ch/zum-wochenende-illusion-des-perfekten-kinderschutzes wieder:

Die echten Lösungen

Ich bin nicht gegen den Kinderschutz. Ich möchte, dass Kinder ohne Zwänge aufwachsen können, dass sie eine gute Bildung erfahren und viele positive Erfahrungen während ihres Heranwachsens machen. Ich möchte das nicht nur, weil ich finde, dass es jedem Menschen gut gehen soll, sondern auch, weil Kinder die Zukunft der Gesellschaft waren, sind und immer sein werden. Nachfolgend also die Lösungen, die wirklich helfen, nicht nur die Leben von Kindern, sondern auch die von allen Menschen zu verbessern.

  • Verbot des Einsatzes von Sucht fördernden Methoden (oben beschrieben) durch Social-Media-Plattformen, aber auch andere Apps.
  • Verbot von Dark Patterns.
  • Content-Algorithmen müssen von Unternehmen offengelegt und von nachweislich unabhängigen Institutionen überprüft werden. Diese Algorithmen dürfen keine Bait-Inhalte pushen.
  • Förderung von Social-Media-Plattformen komplett ohne Algorithmen.
  • Bestimmte Kategorien von Apps müssen mit einer intern einprogrammierten Zeitbegrenzung ausgestattet werden, sodass Eltern sich nicht mit externen Wellbeing- oder Parental-Control-Apps beschäftigen müssen. Diese Einstellung wäre durch eine PIN oder ein Passwort geschützt, sodass sie vom Kind nicht umgangen werden kann. Sie wäre sowohl an den Account als auch an das Gerät geknüpft.
  • Radikales Smartphone-Verbot an Schulen. Dumbphones wären weiterhin erlaubt. Lehrer müssen aber auch mit Mitteln und Rechten ausgestattet werden, um dieses Verbot effektiv durchsetzen zu können.
  • Echte digitale Kompetenz muss gefördert werden. Social Media und andere Entertainment-Apps (Youtube, Netflix) bedienen zu können, darf nicht als digitale Kompetenz missverstanden oder als solche eingeordnet werden:
    - Ausweitung und Modernisierung des EDV-Unterrichts an Schulen mit besonderem Schwerpunkt auf alternativen Programmen, FOSS und self-hosted Lösungen. (Info 1, Info 2, Info 3, Info 4)
    - Förderung von Beratungsstellen zu FOSS und Self-Hosting durch den Staat. Viele Menschen wissen nicht, wie sie sich im vermeintlichen digitalen Dschungel zurechtfinden können, und sind auch von Online-Anleitungen überfordert (das meine ich nicht böse, es ist lediglich eine Beobachtung von mir).
    - Lehrkräfte gezielt schulen, um Cybermobbing und Gruppenzwang rund um Smartphone-Besitz und Social-Media-Nutzung in der Klassengemeinschaft früh zu erkennen. Noch besser: Dafür eigene Experten einsetzen, weil die meisten Lehrkräfte ohnehin bereits zu stark ausgelastet sind.
  • Eltern müssen wieder Eltern sein:
    - Social Media aus dem eigenen Leben verbannen zwecks Vorbildfunktion. Eltern, die weniger Zeit vor dem Bildschirm verbringen, haben mehr Zeit, ihren Kindern Werte, Ethik und echte digitale Kompetenz zu vermitteln, wodurch diese in der Online-Welt weder zu Opfern noch zu Tätern werden.
    - Vernetzung von Elterngemeinschaften. Koordiniert den Kindern Dumbphones statt Smartphones geben. Dadurch werden auch unangenehme Klassendynamiken wie digitale Ausgrenzung und digitales Mobbing reduziert.
    - Falls ein Smartphone wirklich nötig ist (Digitalzwang?), dann bitte Parental Control Apps einrichten.
    - Konfigurieren des Heimnetzwerkes, sodass über WLAN keine Seiten wie TikTok und Instagram aufgerufen werden können, und statt eines Handytarifs mit unbegrenztem Datenvolumen, einen Tarif mit maximal 10 GB Daten nehmen. Dies ist für schulische Zwecke und Kommunikation in normalem Ausmaß völlig ausreichend, stößt bei Nutzung von Social Media jedoch nach kürzester Zeit an die vertraglichen Grenzen.
    - Staatlich geförderte Mini-Kurse für Eltern zu den oben genannten Themen.
    - Staatliche Förderung von analogen Aktivitäten (Natur, Sportanlagen, Basteln, Tiere, Spielplätze, …). Je mehr Alternativen Familien zur Verfügung stehen, umso geringer wird das Bedürfnis nach Unterhaltung am Bildschirm.

Sicherlich ist diese Liste ausbaufähig, sowohl in der Länge als auch in der Tiefe. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Aber eine Sache weiß ich: ein Rat bestehend aus - von der Lobby unabhängigen - Expertinnen und Experten aus den Bereichen Webdevelopment, Social Media, Psychologie, Pädagogik und Recht, kann entsprechende Gesetzesentwürfe, die sinnvoll und effektiv sind, und die Probleme an der Wurzel packen, ausarbeiten. Bitte lassen Sie sich von niemandem einreden, dass dies nicht umsetzbar sei.

Es scheitert lediglich an unserem Lobbyismus-gesteuerten politischen Apparat.

Abschließend kann ich mir folgende provokante, aber sehr wohl ernst gemeinte Fragen nicht verkneifen. Wollen Sie, dass Ihr Kind in einer Welt lebt, in der es…

  • online mit niemandem mehr anonym kommunizieren kann?
  • sich nicht mehr traut, politisch aktiv zu sein – sowohl online als auch auf der Straße? Also in einer Welt ohne echte Meinungsfreiheit?
  • jederzeit Opfer einer massiven Datenschutz-Katastrophe und darauffolgend Opfer von beispielsweise Identitätsmissbrauch werden kann?
  • von totalitären Regimen aufgrund seiner «Datenspur» im Internet schikaniert oder gar eingesperrt werden kann?
  • auf viele legitime Informationsquellen nicht mehr zugreifen kann, ohne sich auszuweisen? Also in einer Welt ohne echte Informationsfreiheit?
  • sich entscheiden muss, ob es zu den Verifizierten oder den Unverifizierten gehört und je nach Entscheidung nicht nur von vielen Onlinegruppen, sondern auch von wichtigen Online-Dienstleistungen ausgeschlossen wird?
  • automatisierten staatlichen Algorithmen ausgeliefert ist?
  • gezwungen ist, aufgrund von schleichendem Digitalzwang jederzeit und von klein auf ein Smartphone mit Google- oder Apple-Software mit sich zu tragen?
  • weiterhin von Dopamin manipulierenden Algorithmen und App-Designs verführt wird und deshalb trotz Altersverifikation weiterhin Stunden jeden Tag vor dem Bildschirm verbringt?
  • nur augenscheinlich ein an der Demokratie teilhabendes Individuum ist, weil der politische Apparat de facto von Lobbyismus und Vetternwirtschaft gesteuert wird?

Bis hierhin erfolgte die Textübernahme von gnulinux.ch/zum-wochenende-illusion-des-perfekten-kinderschutzes

Wie der Autor der o.g. Lösungsansätze schreibt, vieles scheitert eher einem Lobbyismus-gesteuerten politischen Apparat. Für diesen Apparat scheint es einfacher, Kindern und Jugendlichen etwas zu verbieten – unabhängig von der Sinndiskussion solcher Maßnahmen – als den Social Media-Plattformen genaue Vorgaben zu machen. Hier existiert ohnehin ein Zuständigkeitswirrwarr zwischen Ländergesetzen und dem Digital Services Act (DSA), dem EU-weiten Regelwerk, das Online-Plattformen, soziale Netzwerke und Suchmaschinen in die Pflicht nehmen soll. Und letztlich drängt sich der Eindruck auf: mit Meta, Google, Microsoft und Apple und Co. legt man sich nicht an…

Es ist auch einfacher, etwas zu verbieten als sich Gedanken über die Förderung von Medienkompetenz zu machen:
Es ist keine Medienkompetenz, wenn man weiß, wie man TikTok installiert und nach unten wischt… Eine ernsthafte Medienkompetenz geht nur einher mit einer Ausweitung von EDV-Unterricht, einer gezielten Lehrkräfteschulung und einer Ausweitung von Beratungsstellen. Wie so oft investiert der Staat hier zu wenig, er zahlt lieber für die Folgen.

Es ist auch einfacher etwas zu verbieten, als in das Erziehungsmonopol der Eltern einzugreifen. Das muss außer Frage stehen. Es gibt aber auch keine verlässlichen Untersuchungen darüber, wie schnell Kindern ein Smartphone in die Hand gedrückt bekommen, damit sie „ruhiggestellt“ sind. Anders ausgedrückt: viele Eltern machen es sich zu einfach, benötigen selbst eine Förderung der Medienkompetenz.

Links zur Diskussion um ein Social Media-Verbot:
Bericht Tagesschau Übergabe der Handlungsempfehlungen
Download der Handlungsempfehlungen der Expertenkommission
gnulinux.ch/zum-wochenende-illusion-des-perfekten-kinderschutzes

Links zur Medienerziehung:
[!] SCHAU HIN
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